Manchmal muss man ohne Filter reden. Manchmal muss es unbequem sein. Was passiert, wenn Hass und Hetze in den Schulalltag einziehen? Zwei Schüler*innen aus Hövelhof haben in einem Poetry-Slam Worte gefunden, die aufrütteln. Geschrieben für die Eröffnung unserer Ausstellung #StolenMemory und erneut vorgetragen zur Lesung von „Wie ein Volk den Verstand verlier.

Danke euch, dass wir diese hier veröffentlichen dürfen!


Guten Abend. Heute reden wir mal ohne Filter. Vielleicht wird das provokant. Vielleicht unbequem. Aber wenigstens ehrlich. Wir sagen Dinge, die man sonst oft nur denkt und nie laut ausspricht. Keine Ausreden. Keine schönen Worte. Einfach das, was wir wirklich denken. Heute soll es hier um etwas gehen, das eigentlich ziemlich unglaublich klingt:
Wie ein Volk den Verstand verliert. Um die Frage, was mit einer Gesellschaft passiert, wenn Menschen nicht mehr wissen, was wahr ist. Und vielleicht klingt das unglaublich. Aber eine Gesellschaft hat schon einmal erlebt, was passieren kann, wenn Menschen aufhören, selbst zu denken. Und vielleicht denkt man jetzt: Das ist doch Geschichte. Das ist doch Vergangenheit. Das war doch damals. Die Nazi-Zeit.

Für uns ist die Nazi-Zeit weit weg. Obwohl immer gesagt wird: „Es ist noch gar nicht so lange her.“ Und ehrlich? Für uns klingt 1945 wie Steinzeit. Und trotzdem sitzt diese Vergangenheit plötzlich mitten in unserem Alltag. Nicht nur im Geschichtsbuch. Nicht nur im Museum. Nicht nur in alten Schwarz-Weiß-Bildern. Sondern hier.

Hier. An unserer Franz-Stock-Realschule in Hövelhof. In unseren Fluren. Auf unseren Tischen. An unseren Wänden. Wenn wieder irgendwo ein Hakenkreuz auftaucht. Wenn ein Zehntklässler auf das Schuldach klettert und den Hitlergruß zeigt. Wenn ein Schüler einfach sagt: „Man hätte damals alle einfach vergasen sollen.“ Ja. Solche Dinge passieren wirklich. Das haben wir uns nicht ausgedacht. Nicht aus Versehen. Nicht aus Spaß. Sondern weil einige Mitschüler glauben, dass das cool ist. Oder weil sie irgendwann aufgehört haben, zu hinterfragen, was sie da eigentlich glauben. Und genau da wird es gefährlich. Mit einem Satz. Mit einem Bild. Mit einem Video. Mit einem Kommentar.
Mit einem: „Das wird man ja wohl noch sagen dürfen.“
Mit einem: „Ich hab das im Internet gesehen.“

Und dann teilen wir es. Einer schickt es an fünf. Fünf an fünfzig. Fünfzig an fünfhundert. Und plötzlich fühlt sich eine Lüge wie eine Wahrheit an. Nicht weil sie wahr ist.
Sondern weil wir sie hundertmal gesehen haben. Wir glauben das, was unsere Wut bestätigt. Unsere Angst. Unsere Vorurteile. Unsere Meinung. Wir suchen nicht immer nach Wahrheit. Wir suchen nach Menschen, die uns sagen: „Du hast recht.“ Und wenn uns jemand widerspricht? Dann blockieren wir ihn. Löschen ihn. Beleidigen ihn. Denn dann müssen wir nicht mehr zuhören.

Wir leben in einer Zeit, in der jeder alles sagen kann. Anonym. Aber immer weniger Menschen fragen: Stimmt das eigentlich? Die Generation, die mit TikTok aufwächst. Mit Instagram. Mit YouTube. Mit ChatGPT. Mit hundert Meinungen, bevor wir morgens überhaupt richtig wach sind. Wir bekommen jeden Tag mehr Informationen, als Menschen früher in Monaten oder Jahren bekommen haben. Dann heißt es: Die Jugend verblödet. Wir hängen nur noch am Handy. Wir denken nicht mehr selbst. Aber wisst ihr eigentlich, wie es sich anfühlt, jeden einzelnen Tag mit tausenden Stimmen im Kopf aufzuwachen?

Das ist wahr.

Das ist gelogen.

Hab keine Angst.

Hab Angst.

Vertrau mir.

Glaub mir nicht

Denk selbst!

Denk nicht zu viel. Und irgendwo dazwischen sollen wir herausfinden, wer wir eigentlich sind und was davon stimmt. Wir scrollen. Wir sehen. Wir liken. Wir teilen. Und scrollen weiter. Und dann schauen wir zurück auf die Geschichte. Auf 1933. Auf die Jahre danach. Und wir fragen: „Wie konnten die Menschen damals das alles zulassen?“ Wie konnten sie wegsehen? Wie konnten sie glauben, was ihnen erzählt wurde? Wie konnten sie die Lügen nicht erkennen? Aber vielleicht sollten wir uns eine andere Frage stellen: Erkennen wir es heute?

Wenn jemand jeden Tag denselben Hass verbreitet? Wenn eine Lüge millionenfach geteilt wird? Wenn plötzlich eine Gruppe für alles verantwortlich gemacht wird? Für unsere Probleme. Für unsere Angst. Für unsere Zukunft. Und genau deshalb reicht es nicht, über Demokratie zu reden. Wenn das Reden allein reichen würde, hätten wir keine Hakenkreuze auf Schultischen. Dann würde unser Mitschüler nicht den Hitlergruß zeigen. Dann würde niemand Menschen aufgrund ihrer Herkunft, Religion oder Hautfarbe hassen. Demokratie kann man nicht einfach auswendig lernen. Man muss sie leben. Denn vielleicht ist das die wichtigste Antwort auf eine Welt voller Hass und Hetze: einander noch wirklich zuzuhören. Nicht nur Menschen zu suchen, die genauso denken wie wir. Sondern Menschen auszuhalten, die anders denken. Mit ihnen zu sprechen. Zu widersprechen.

Wir stehen hier im Namen unserer Schule. Wir lernen zu hinterfragen: Wer sagt das? Woher kommt diese Information? Was ist Fakt? Was ist Meinung? Denn wir werden in der Schule nicht nur dazu erzogen, gute Noten zu schreiben. Wir sollen zu freiheitlich-demokratischen Bürgerinnen und Bürgern werden. Wir sollen zu Menschen erzogen werden, die selbst denken. Die widersprechen können. Die andere Meinungen aushalten. Die ihre Freiheit nutzen und Verantwortung übernehmen. Und dabei soll Schule neutral bleiben? Wirklich?

Bei Menschenwürde kann Schule nicht neutral sein.

Bei der Gleichheit aller Menschen kann Schule nicht neutral sein.

Bei Freiheit kann Schule nicht neutral sein.

Bei Rassismus, Antisemitismus und Gewalt kann Schule nicht sagen: „Dazu haben wir keine Meinung.“
Wir sind jung. Aber jung sein bedeutet nicht, keine Verantwortung zu tragen. Vielleicht tragen wir sie heute mehr denn je. Und manchmal sogar mit einem einzigen Satz: „Moment. Ich glaube, das stimmt so nicht.“
Denn „Nie wieder“ ist keine Vergangenheit. „Nie wieder“ bedeutet heute: Den Mund aufmachen. Haltung zeigen. Menschen verteidigen. Nicht schweigen, wenn Hass laut wird.

Deshalb ist unsere Aufgabe heute nicht einfach, uns an die Vergangenheit zu erinnern. Unsere Aufgabe ist es, dafür zu sorgen, dass wir niemals vergessen, was Menschlichkeit bedeutet.

Dass wir widersprechen, wenn Menschen entmenschlicht werden.

Dass wir hinschauen, wenn Hass laut wird.

Dass wir nicht schweigen, wenn jemand zum „Anderen“ gemacht wird.

Wenn wir aufhören, menschlich zu denken, haben wir längst mehr verloren als unseren Verstand.
Und genau deshalb ist ‚Nie wieder‘ kein Satz über damals. Es ist eine Aufgabe für heute. „Nie wieder“ ist keine Vergangenheit.

NIE WIEDER
IST JETZT!


Als Bündnis für Demokratie und Toleranz Hövelhof lassen wir diese Zeilen unkommentiert stehen – denn sie sprechen eine unmissverständliche Sprache. Sie zeigen, wie wichtig es ist, hinzusehen, Haltung zu zeigen und gemeinsam zu widersprechen.

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